Von Finnland nach Norwegen – Eine Winterreise durch Europas hohen Norden.

Erfahrung ist das Ergebnis falscher Entscheidungen, sagt man.
Unsere letzte Finnlandreise war demnach ein riesiger Erfolg. Grund genug also, auch dieses Jahr die Nase in den kalten Wind zu halten und herauszufinden, ob wir was gelernt haben. Und ja, um es vorweg zu nehmen, wir haben gelernt. Vor allem eines: Man muss aus seinen Fehlern lernen.

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Diesmal wollten wir klüger sein. Wir wollten kein Abenteuer erzwingen, sondern auf sanfte Art verstehen, was letztes Jahr so schief gegangen war. Diesmal war der Plan: Auf Skiern durch den Norden Finnlands, immer weiter Richtung Norden um schlussendlich in Norwegen ans Meer zu gelangen. Davon rund 150 km ohne Straßen, Wege oder auch nur Markierungen.

Wir, das ist das mittlerweile gewohnte Duo: Jannes und Jan. Wir sind inzwischen ein nahezu perfekt eingespieltes Team, bei dem jeder seine Rolle kennt und weiß wie viel er vom anderen fordern kann. Dadurch arbeiten wir Hand in Hand zusammen, was bereits im Vorwege die extremen Herausforderungen des diesmaligen Reiseziels etwas weniger schlimm erscheinen lies.

Jannes und Jan

Diesmal sind die Grenzen zwischen Reise und Expedition stärker verschwommen als je zuvor. Für eine „Reise“ sprachen die warmen Hütten entlang der Route. Dagegen sprachen vor allem die rund 40 kg schweren Schlitten, bis unter den Rand befüllt mit Essen für über zwei Wochen, Schlafsäcken, das Zelt, die umfangreiche Notfallausrüstung, die speziellen Skier und vieles mehr für eine „Expedition“.
Bereits die Planung hat alle uns bisher bekannten Dimensionen gesprengt, wir wollten nicht wieder im Schnee stecken und nicht weiter kommen. Wir haben vor der Abreise alle unsere Aufzeichnungen, Videos und Bilder des letzten Jahres auf Hinweise durchforstet auf Dinge die schief gelaufen waren und haben daraus dann einen Maßnahmenplan zur Verbesserung erstellt. Wichtig war, sich immer wieder den Ärger und den Frust, den man vor Ort gespürt hat, in Erinnerung zu rufen, um nicht in der Bequemlichkeit zu Hause dem Gedanken „…Ach vielleicht brauchen wir das ja doch nicht.“ zu verfallen. Am Schluss haben wir weit über 100 Änderungen, Ideen und Verbesserungen umgesetzt.

Irgendwann nach Wochen der Planung war es dann soweit. Wie immer konnten wir aus dem Fenster des Flugzeugs sehen wie Hamburg unter Wolken verschwand und wir gen Abenteuer flogen. Die Anreise war etwas komplizierter (siehe Karte), erst mit dem Flugzeug nach Kopenhagen, von dort nach Helsinki und Kittilä und dort weiter mit dem Bus nach Enonentekiö, einem kleinem Dorf ganz im Norden Finnlands (und dem Endpunkt unserer letzten Reise) um dort Einzukaufen und dann am Tag drauf nochmals mit zwei weiteren Bussen bis in die tiefste Einsamkeit vorzudringen.

Gesagt, getan. Nach drei Tagen und einigen kleineren Unannehmlichkeiten (darunter ein verspätetes Flugzeug, das so ziemlich alle unsere Pläne über den Haufen zu werfen drohte) sind wir in Ropinsalmi aus dem Bus gestolpert. Ein bisschen hatten wir uns bereits in Enontekiö akklimatisiert, wo wir zwei Tage in einer kleinen Hütte verbracht haben und erstmalig die Skier ausprobieren konnten. Aber hier war es anders: Vor uns lag eine einzige Schneewüste, baumlos und windumtost. Plötzlich waren wir mittendrinnen in dem was wir bisher nur von Fotos der wagemutigsten Polarforscher kannten. Plötzlich waren wir genau da wo wir hinwollten.

Polarlichter

Wir haben dann viele Tage damit verbracht von einer Hütte zur nächsten zu wandern, eine schöner als die andere. Manchmal hielt es uns nur eine Nacht am Ort, andere zogen uns mehr in ihren Bann. Besonders die Ropi- und die Ailakkajärvihütte hatten es uns angetan. Beide Hütten lagen einsam eingebettet inmitten scheinbar unendlicher polarer Wüsten, geformt nur von Schnee und Eis und Wind. Die Wärme des bullernden Ofens drinnen und die eisigen Kälte draußen, die tanzenden Polarlichter über dem Dach und die gegen das Fenster peitschenden Schneekristalle, der Duft von Kiefernholz und die vollendete Stille, all das hat eine wunderschöne, einzigartige Atmosphäre erschaffen, die so ureigen für Finnlands Norden im Winter zu sein scheint. Wir haben viel Zeit damit verbracht, diese Hütten zu genießen, im Kerzenlicht zu lesen oder einfach nur mit einer warmen Tasse Tee in der Hand in die weiße Unendlichkeit hinaus zu blicken.

Ausruhen in der Ailakkajärvihütte

Aber all das mussten wir uns verdienen. Hart, sehr hart verdienen. Einsamkeit kommt nicht von irgendwoher. Jeder dieser Hütten ging ein Kampf voraus. Die Kontrahenten: Jan und Jannes versus die Natur. Die Natur in ihrer härtesten Reinform.
Wahlweise waren wir Schnee- und Eisstürmen ausgesetzt, Temperaturen wie im Gefrierfach zuhause, scheinbar endlosen Bergketten, Tiefschnee, brüchigen Eisflächen, konturlosen Landschaften, blendend heller Sonnenschein, Starkwind, dem Wind-Chill-Faktor oder einfach allem zusammen. Eis. Eis überall. Eiszapfen in unseren immer länger werdenden Bärten, gefrierender Regen in unserer Kleidung, steinhart gefrorene Jacken.

Rucksack im Schneesturm

Im Nachhinein verdrängt man sie gerne, die schier endlosen Strapazen, die einen zum Ziel führen. Die Anstrengung auf Skiern einen voll bepackten Schlitten einen Berg hochzuziehen, unfähig weiter als 15 Meter durch die Wolken und den Schneesturm zu sehen, nur dank der Schwerkraft in der Lage oben und unten zu unterscheiden, in unmenschlicher Kälte und Einsamkeit, ist unvorstellbar. Alles schmerzt, die Muskel vor Anstrengung, die Extremitäten vor Kälte, der Geist vor Verwirrung. Aber dennoch, ist man dann angekommen, kann man den Rucksack und den Schlitten ablegen, die Skier abschnallen und betritt man zu ersten Mal die schützende Hütte oder kriecht zum ersten Mal ins Zelt, weiß man wofür man es tut. Und viel mehr: Man lernt sich selbst kennen, lernt Grenzen zu überschreiten, die man nicht erahnt hätte.

Doppelbild

Wir sind so rund 150 km durch die einsamen Hochebenen, die Fjells, gewandert, mit jedem Tag etwas routinierter und mit jedem Tag mehr in der Lage all das um uns herum zu bewundern. Immer wieder kreuzten Rentiere unseren Weg, schreckten wir Schneehühner auf oder sahen wir Spuren von noch anderen, uns unbekannten Tieren, die sich erfolgreich vor uns versteckten. Manchmal trafen wir auch Menschen, meist Rentierzüchter, die, angelockt von der Rauchfahne aus den Schornsteinen „unserer“ Hütten, für ein kurzes Gespräch vorbeikamen. In dieser Einsamkeit ist man froh über jede Begegnung, wir genauso wie die anderen.Leider waren nicht alle Begegnungen zu unserer Freude. In einer Hütte trafen wir auf vier Jäger aus dem Süden Finnlands, die die letzten Tage vor dem Ende der Jagdsaison ausnutzen und Schneehühner schießen wollten. Wir haben uns gerne mit ihnen unterhalten, haben Geschichten geteilt und viel gelacht in der kurzen Zeit. Als am Nachmittag dann jedoch ein Vodka nach dem anderen verschwand und draußen vor der Hütte vier geladene Schrotflinten standen, entschieden wir uns für eine Nacht im Zelt, einige Kilometer weiter, auf dem Weg zur nächsten Hütte. Nennt uns übervorsichtig, aber wir hatten ein komisches Gefühl bei all dem. Sicher ist sicher.

Zelt im Schnee

An der Grenze zu Norwegen haben wir dann unseren größten Fehler gemacht. Einer, der eigentlich keiner war.
Wir hatten uns gerade mit dem Fahrer eines Schneepflugs unterhalten, als uns die Idee kam mit ihm zu trampen. Tatsächlich passten unsere Schlitten auf die Aufbauten des großen Lastwagen und wir fuhren ungehindert durch das Skibotndalen, einem tiefen Tal, das uns eigentlich den Weg zum Meer hätte vorgeben sollen. Innerhalb weniger Stunden schmolz die Strecke hin, zwei Tagesmärsche einfach übersprungen. Zweifelsohne, es war eine tolle Begegnung mit dem Fahrer des Schneepflugs, wir haben in diesen Stunden viel gelernt über die Gegend und die Leute und ihr Leben nördlich des 69’ten Breitengrades. Aber dennoch, plötzlich hatten wir zwei Tage von denen wir nicht wussten wohin damit. Unten am Meer war der Schnee so nass, das Skitouren wenig Reiz hatten, Städtetrips waren mit unseren Schlitten auch ausgeschlossen und überhaupt wussten wir nicht wo wir die Nächte verbringen sollten. Mit diesem dumpfen Gefühl eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, sind wir dann nach Tromsø weitergereist.

Storfjord

Hier liefen die Dinge auch erstmal nicht nach unserem Geschmack. Nachdem wir am Flughafen das WLAN nutzen konnten und uns zu einer Tour auf einen nahe gelegenen Berggipfel entschlossen hatten, wurden wir vom Wetter zurückgeworfen. Mit Mühe konnten wir die ersten Kilometer den Berg hochlaufen, mussten dann aber im Schneesturm das Zelt aufbauen, nur um endgültig zu erfahren, was es bedeutet im Extremen zu zelten. Der Sturm wurde von Stunde zu Stunde stärker, an Schlaf war nicht zu denken. Mühevoll gruben wir das Zelt in Unmengen von Schnee ein, bauten die Nacht lang Mauern gegen den Wind, kämpften bis zur Erschöpfung gegen die Zerstörung unseres Zuhauses.
Zum Schluss konnten wir die Oberhand gewinnen und doch noch in unseren Schlafsäcken verschwinden. Aber der Schreck und die Ängste dieser Nacht werden unser Zelten in Polarregionen nachhaltig verändern.

Gebrochen nach dem Sturm

Beinahe doch auf den letzten Metern besiegt von der Natur, sind wir dann den Berg wieder abgestiegen, um mit der freundlichen Zustimmung des Sicherheitsdiensts die letzten beiden Nächte am Flughafen zu verbringen. So konnten wir doch noch einen letzten Spaziergang durch Tromsø unternehmen, diese schöne, nordische Stadt bewundern.

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Zurück in Deutschland verschwimmen nun wieder alle diese Erfahrungen und Momente, all das Leiden durch die Kälte. Die ewigen Märsche durch die eisigen Einöden treten wieder in den Hintergrund, schaffen Platz für die fortwährende Faszination dieses einmaligen Schauspiels, das soviel wert ist es einmal im Leben erlebt zu haben. Es bleiben nun viele Ideen und Inspirationen für ein nächstes Mal.

Und dann, tief in einem selbst, noch ganz leise, erwacht er wieder. Der beständige Ruf nach der Ferne.
Ein Ruf, dem ich demnächst gerne wieder folgen werde.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Rolf sagt:

    Wow, die Bilder sehen supergut aus!
    So eine Wanderung will ich auch irgendwann noch machen, falls ich mich das wage.

  2. nahdran sagt:

    Hallo Rolf, freut mich sehr das dir die Bilder gefallen. 🙂
    So eine Reise ist weniger ein Wagnis als es auf den ersten Blick scheinen mag- es empfiehlt sich nur immer einen Plan B vorzubereiten… 😉

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